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Alter Mann

Gestern im Zug. Gerade öffne ich meine verklebten Augen. 1 Stunde weggedöst. Habe ich irgendwie so an mir, kaum sitze ich im Zug fallen mir die Augen. Etwas genervt von den 3 Schulklassen im besten Teenie-Alter, die aber recht bald ihr Ziel erreicht hatten, dachte ich, ja es kann doch eine entspannte Fahrt werden. Bis er kam.

Er, ein alter Mann, geschätzte 100 Jahre auf dem Puckel, klein, auf wackligen Beinen und mit einer heiseren Stimme ausgerüstet, die mir selbst bei jedem Wort, was aus seinem Mund drang, im Halse schmerzte. Dieser Mann setzte sich meinem Fahrgastnachbarn am anderen Fenster gegenüber. Auch ein Mann, ähnlich wie ich im mittleren Alter, wahrscheinlich auch auf einer Dienstreise, sah aus, als ob er nur die Fahrt schnell überstehen wollte. Ich drehe mich noch mal an die Fensterseite und versuche so zu tun, als ob ich schlafe. Der Mann tut mir jetzt schon leid, denn kaum saß der alte Mann, begann er dem ganzen Zug seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Seine Lebensgeschichte, dem Krieg, seine, unsere Wende, was er von der aktuellen Politik hielt, immer mit der heiseren Stimme unterlegt, wurde er die ganze Fahrt nie müde und erzählte vor sich hin. Seine Geschichten, die durchaus lustig waren und mir auch ab und zu ein Schmunzeln an die Scheibe drücken ließen, aber mich teilweise auch peinlich berührten, wurden unterlegt mit kleinen Witzen ala „Was ist der kleinste Dom? Das KonDom …“ Ich war so froh, nicht in der Haut des anderen Mannes zu stecken.

In Hamburg trennten uns dann die Wege. Ein alter Mann, voller Wortwitz und Energie und ich, der nur ans Ziel kommen wollte. So alt möchte ich werden.

Autor: Oliver

Ich bin Oliver und habe den aptgetupdateDE Blog im Juli 2007 aus der Taufe gehoben. Man findet mich auch auf Twitter.

8 Kommentare

  1. Tja, was soll man dazu sagen. Jeder kennt so eine Situation sicherlich, jeder ist dann irgendwann genervt. Und jeder muß sich wohl trotzdem ab und zu Gedanken über das „warum?“ machen. Es gibt einen Riesenhaufen alte Menschen, die einfach von der Familie links liegengelassen werden, deren Lebensgefährte gestorben ist und die das nähere Umfeld an Bekannten bereits überlebt haben. Solche Leute haben niemanden zum Reden. Und das merkt man oft genug an genau solchen Situationen. Das sind dann ein paar anstrengende Stunden für einen selbst. Und ein paar tragische letzte Jahre für den Geschichtenerzähler..

    Bzgl. Zugstories: Ich hatte auf meiner letzten mehrstündigen Heimfahrt am Tisch gegenüber eine Familie sitzen (Mutter, Vater, Sohn), die permanent mit ihrem Sohn (wohl gerade Anfang Gymnasium) Prozentrechnung gepaukt haben, und zwar in einem extrem strengen, lauten Meckerton. Der Sohn war wirklich total kleinlaut, der Vater sah aus und verhielt sich wie Marke Rohrstock und meine Tischnachbarn und ich konnten nur mehrfach den Kopf schütteln, wenn der Sohn, falls er mal auf Toilette mußte, schön unterm Tisch durchkriechen mußte..

  2. CaptainBunny

    19.05.09, 13:57, #4

    Was waren denn das für Wege, die euch getrennt haben? Das sollten wir hier noch mal Paroli laufen lassen.

  3. GremmerNasie

    19.05.09, 15:10, #5

    Schöne Geschichte. Mir stellen sich nur zwei Fragen: Wohin und mit was bist du die 1 Stunde gedüst? Und was ist ein Puckel?

  4. Der Dom ist sogar so klein, dass die Glocken ausserhalb baumeln müssen ;-)