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RAW-Konverter: Photo Ninja (Review)

Vorwort: Als „Semi-Professioneller“ Fotograf – welcher sich vor 5 Jahren für Aperture und gegen Adobe Lightroom entschieden hat – war es nicht einfach die Meldung zu lesen, dass Apple die Weiterentwicklung von Aperture 3 (von einem Yosemite Kompatibilitätsupdate abgesehen) einstellen wird. Nicht einfach deswegen, weil ich über 15 verschiedene Bibliotheken mit insgesamt über 100.000 Fotos (RAW) gespeichert und archiviert habe.

Dabei habe ich mich so sehr an den Workflow von Aperture gewöhnt, dass ein Umstieg nicht „mal eben“ gemacht werden kann. Da ich dazu auch noch bekennender Adobe-Gegner bin (aber das ist eine andere Geschichte und soll hier jetzt nicht das Thema werden), schauen wir uns einmal um, denn auch andere Mütter haben schöne Töchter. Auf den Punkt gebracht: Wir haben uns einmal zwei „Alternativen“ – Photo Ninja und Capture One Pro (Review folgt später!) – angesehen und stellen euch heute Photo Ninja (Version 1.2.2a) von PictureCode kurz vor.

Die Programmoberfläche

Die Programmoberfläche

Ja, es gibt sie, die RAW-Konverter abseits von Adobe. Und auch wenn ich vom Fazit hier bereits ein wenig vorweg nehme, war ich von den als JPG exportierten Ergebnissen von Photo Ninja sehr angenehm überrascht, denn die können sich wirklich sehen lassen!

Aber greifen wir nicht zu weit vorweg, denn wo viel Licht ist, gibt es bekanntlich auch Dunkelheit, wovon Photo Ninja ebenfalls viel zu bieten hat.

Oberfläche (UI)
Bei Photo Ninja handelt es sich nicht um eine reine Mac-App. Die Mac eigene Menüleiste bleibt leer und ist in das Programmfenster eingearbeitet, wie man es von Windows-Programmen her kennt. Da das Programm sowohl für Windows wie auch Mac OS angeboten wird, ist die Mac-Variante wohl eher das Konvertierungsprodukt. Nach dem ersten Start ist die Programmoberfläche dunkel (schwarz) mit kleiner Schrift. Diese lässt sich wie bereits erwähnt anpassen. Da ich mittlerweile in einem Alter bin, wo man gerne ohne Anstrengung auch bei stundenlanger Arbeit am Rechner entspannt bleiben möchte, habe ich mich für die „helle/graue“ Darstellung mit mittlerer Schriftgröße entschieden.

Es lassen sich Menüleisten über Stecknadeln fixieren oder ausblenden, welche dann automatisch eingeblendet werden, kommt die Maus in den entsprechenden Bereich. So weit, so gut, nur geht mir die Anpassung in diesem Fall nicht weit genug, wie das Fenster des Editors sehen kann (unten).

Der Foto-Editor

Der Foto-Editor

Die Seitenleiste

Die Seitenleiste

Wo wir auch gleich beim größten Kritikpunkt der Software angekommen sind. Wie auf dem Editor-Bild zu sehen, sind in der linken Seitenleiste die jeweiligen Bearbeitungspunkte untereinander aufgeführt. Diese sind aber nicht geöffnet, sondern man muss jeden Punkt, den man bearbeiten möchte, erst mit einem Klick öffnen, dann die Einstellungen treffen, dann die Berechnung abwarten (wird durch einen rot drehenden Kreis angezeigt) und diese dann mit „Apply“ übernehmen, bevor man an einem anderen Bereich arbeiten kann. Da man aber an bestimmten Schrauben immer wieder einmal drehen muss, kommt es hier häufig vor, dass man einen Bereich öffnet, einstellt, verlässt, dann den nächsten Bereich öffnet, bearbeitet und verlässt und so weiter.

Die jeweiligen Details

Die jeweiligen Details

Viel zu viel unnötige „Klickerei“, denn geöffnete Bereiche kann man nicht geöffnet lassen und werden nicht untereinander dargestellt, sondern die Seitenleiste wird beim Öffnen durch die Einstellmöglichkeiten der jeweiligen Option ersetzt.

Hier wurde – meiner persönlichen Meinung nach – der Versuch die Oberfläche – welche es leider nur in englischer Sprache gibt – einfach zu halten übertrieben. Die Klickerei macht viel zu viel unnötige Arbeit, die auch Zeit kostet und zu einem Punktabzug führt.

Bearbeitung von Bildern
Performance (Geschwindigkeit)
Ein weiterer Punkt der dunklen Seite der Macht. Es wäre unfair Photo Ninja hier einen Vergleich zu AfterShot Pro – welches wir uns vor 2 Jahren einmal näher angeschaut haben – zu ziehen, da wir auf Grund der unterschiedlichen Grafikhardware von damals (MacBook mit NVidia 9400) zu heute (Mac mini mit Intel HD Graphics 4000) keinen fairen Vergleich anstellen könnten.

In meinem Mac mini steckt ein intel Core I7 Prozessor mit 16 GB Ram. Davon gehen 1 GB für den Grafikspeicher weg. Da kann man eigentlich eine schnelle Bearbeitung erwarten. Und während Aperture 3 unter diese Konfiguration förmlich rennt, gönnt sich Photo Ninja gerne an jeder Ecke eine Pause und man sieht den roten Berechnungskreis öfter als einem lieb ist. Wie das unter Mac OS mit anderer Grafikhardware aussieht, kann ich aktuell aus Mangel an Hardware nicht beurteilen.

Alleine das Öffnen – Decompressing raw-file … Please wait … Recovering highlights … und Bildaufbau – aus der Übersicht heraus dauert bei einem 12 Megabyte RAW-Foto (Nikon D90) bis zu 5 Sekunden, bis das Foto erstmalig vollständig angezeigt wird. Wenn ich nach einem Event ca. 800 Fotos bearbeiten muss, kann man sich ja einfach ausrechnen, wie lange man da allein an Wartezeit verbringt.

Und auch bei den Bearbeitungsfunktionen dauert alles ein wenig länger. Auch wenn 1-2 Sekunden auf den ersten Blick nicht viel erscheint, summiert sich das und man hat das Gefühl mehr zu warten als zu arbeiten. Sorry Photo Ninja, auch hier leider einen Punktabzug.

Fotoverwaltung
oder: Funktionen, die Photo Ninja nicht hat
Auf den Punkt gebracht: Gibt es keine. Wer es von Aperture gewohnt ist, sich nicht um die Dateistruktur kümmern zu müssen, der fängt jetzt wieder damit an. Ich persönlich kann sehr gut damit leben nicht zu wissen wo meine Fotos liegen und habe mich daran gewöhnt. Da hier die Geschmäcker unterschiedlich sind, lassen wir das mal neutral so stehen und wollen das nicht weiter bewerten.

Weitere Dinge die fehlen:

  • Gesichtserkennung,
  • Pinselbearbeitung,
  • Geolocation,
  • Wasserzeichen …

Während ich Gesichtserkennung noch als „nice to have“ einstufen würde, möchte ich auf Geolocation jedoch nicht mehr verzichten und auf Wasserzeichen schon gar nicht, aber beides beherrscht Photo Ninja nicht.

Nur um Missverständnisse vorzubeugen: Sind Geo-Informationen in den Fotos, bleiben diese natürlich erhalten. Aber man hat eben keine Möglichkeit, in Photo Ninja Fotos mit Geo-Informationen zu versehen.

In meinem Fall müsste ich wegen der Wasserzeichen mir entweder eine separate Software suchen oder auf alle Fotos von Hand das Wasserzeichen kleben. Diese Funktion „erwarte“ ich einfach von einer guten Software und gibt wieder einen Punktabzug.

Render-/Export-Optionen

Render-/Export-Optionen

Wo wir gerade bei Punktabzug sind, auch der Fotoexport selbst hinterlässt keinen guten Eindruck. Ist man es aus Aperture 3 gewohnt Fotos in jeder beliebigen Größe erstellen zu können – entweder in % oder aber festen Pixelbreiten – gibt es bei Photo Ninja lediglich „Ratio-Größen“ (1:1, 1:2, 1:4, 1:8 und 1:16) welche immer von der aktuellen Crop-Größe herunter gerechnet werden.

So ist es also nicht möglich, alle Fotos bei exakt gleicher Bildgröße (Pixel, nicht Dateogröße) aus der Software rauszurechnen, es sei denn, wirklich alle Bilder haben den exakt gleichen Crop (Ausschnitt) und wie realistisch ist das bitte?

Auch hier würde ich mehr erwarten. Ist man hier also auf dem Boden der Tatsachen angekommen (Export nur in Ratio-Größen OHNE Wasserzeichen), will man das Programm eigentlich gleich löschen, aber …

Wie eingangs schon geschrieben, gibt es nicht nur schlechte Seiten an Photo Ninja, auch wenn sich die Lichten Momente meiner Meinung nach in Grenzen halten.

Und was gibt es Positives?
Mag blöd klingen, aber auch wenn es hin und wieder mal etwas länger gedauert hat, das Programm ist während meines mehrstündigen Tests nie abgestürzt und lief sehr stabil.

„Noise Ninja“ (eine Funktion zur Reduzierung von Störungen/Rauschen) arbeitet gewohnt gut und auch die restlichen Funktionen lassen sich, wenn man einmal in dem jeweiligen Optionspunkt ist, recht ordentlich bedienen.

Nachdem ich mehre Stunden damit verbracht habe auf Grund des Workflows zu fluchen, mir alle Drehregler und Schrauben anzuschauen, bin ich am Ende sogar zu dem Ergebnis gekommen, dass die Ergebnisse, die Photo Ninja am Ende abliefert, sogar qualitativ besser aussehen!

WHAAAT?
Hat der etwa gerade ein Lob ausgesprochen?

Ihr habt euch nicht verlesen! Bereiche, welche Aperture nur noch überbelichtet hell weiß darstellen konnte, waren in Photo Ninja Dank „Highlight recovery“ wieder als grüner Rasen zu identifizieren (s. Bild oben „Foto-Editor“). Im Vergleich bekommt man das Gefühl, als würde Photo Ninja mit den Details besser/vorsichtiger arbeiten.

Und das Fazit?
Selten war ich persönlich in einem Fazit so hin und her gerissen.

Auch wenn Aperture 3 von Apple sicherlich nicht das Maß aller Dinge war, muss Photo Ninja sich mit den Funktionen messen, will man vielleicht auch Umsteiger zu sich ziehen. Aber ist der Vergleich gerechtfertigt?

Aperture hat in der Anfangszeit über 200 Euro gekostet, bevor es zuletzt auf 69 Euro gesenkt wurde. Photo Ninja kostet aktuell umgerechnet ca. 99 Euro, hat einen – meiner Meinung nach – recht umständlichen Workflow, lässt viele Funktionen (wie beispielsweise Bearbeitung auf Pinselebene) vermissen und kann was genau?

Auf den Punkt gebracht – und all die von mir negativ angesprochenen Punkte einmal ausser Acht gelassen – kann Photo Ninja genau das, was von einem reinen „RAW-Konverter“ eigentlich erwartet wird. Nämlich RAW-Fotos sehr fein bearbeiten und in perfekter Qualität als JPG-Datei rausrechnen.

Wer also nur ab und zu nach einer Fototour eine Handvoll Fotos aufheben und nachbearbeiten muss, diese sowieso immer in voller Größe ohne Wasserzeichen auf seiner Festplatte ablegen möchte, der bekommt mit Photo Ninja ein Werkzeug an die Hand, welches ggf. etwas umständlich zu bedienen ist, am Ende aber perfekte Ergebisse liefert!

Den Vergleich im Funktionsumfang gegen Aperture kann Photo Ninja nur verlieren. Betrachtet man Photo Ninja jedoch einmal individuell „nur“ als RAW-Konverter, ist man hier eigentlich schon zu Hause.

Photo Ninja versucht nicht die „Eierlegende Wollmilchsau“ zu sein. Es ist vielmehr ein Präzisionswerkzeug und kann durchaus als Spezialist in seinem Gebiet angesehen werden. Voraussetzung ist, für den Rest – so fern man es denn braucht – hat man dann andere Tools am Start.

aptgetupdateDE Wertung: (8,5/10)

Und weil keiner die Katze im Sack kaufen muss – auf der Webseite kann man eine zweiwöchige Testlizenz bestellen – sollte sich jeder, der am Ende vielleicht doch interessiert ist, sich das Programm einmal anschauen und eine eigene Meinung bilden, so fern er bei uns nicht eine der drei Lizenzen aus den Gewinnspiel abstauben kann.

Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei PictureCode, die uns für diesen Test nicht nur ein Testmuster, sondern auch drei Lizenzen zur Verlosung zur Verfügung gestellt haben!

Gewinnspiel:

Entwickler PictureCode hat aptgetupdateDE für ein Gewinnspiel drei Lizenzen von Photo Ninja zur Verfügung gestellt.

Zur Teilnahme kommt erneut Rafflecopter zum Einsatz, bei dem folgende Lose enthalten sind:

  • Frage beantworten
  • aptgetupdateDE bei Facebook folgen
  • aptgetupdateDE bei Twitter folgen

Die Auslosung findet kommenden Mittwoch, den 27.08.2014, statt. Viel Glück!

a Rafflecopter giveaway

Link: Photo Ninja Webseite

Vorschau: Das Review zu Capture One Pro 7 folgt demnächst hier!

Autor: Stefan

Der aus Mönchengladbach mit der Raute im Herzen! Kann mit Computern grundsätzlich umgehen, ist aktuell jedoch mehr sportlich motiviert mit seiner Kamera in den Stadien von NRW unterwegs.

5 Kommentare

  1. Mich trifft leider das gleiche Schicksal. Nach vielen Jahren mit Aperture, muss ich mich nach einer Alternative umsehen. Der Wechsel zu Lightroom wäre sicher ein einfaches, aber Adobe ist mir nicht sehr sympatisch.

    Ich hoffe hier werden noch mehr Aperture Alternativen präsentiert.

  2. Da ich eine Olympus Kamera im Einsatz habe, verwende ich natürlich auch die dazu passende OlyShare-Software. Leider ist sie bei der Performance mit Photo Ninja gleich auf. Eine Export-Funktion mit Wasserzeichen habe ich auch noch nicht gefunden.

    Dafür entschädigen die exportierten Bilder in ihrer Qualität, aber das sollte man auch erwarten, wenn es schon eine Herstellerspezifische Software für die eigene Kamera gibt.

  3. Aperture verschwindet ja nicht von heute auf morgen, es soll ja sogar noch eine Yosemite Anpassung geben, also lässt sich da sicher noch einige Zeit mit arbeiten. Neuerungen gab es doch sowieso keine in den letzten Jahren bei Aperture, was soll also das Geheule.
    Wenn man von Aperture auf ein anderes Programm umsteigen möchte ist ja das größte Problem die gemachten Anpassungen in das neue Programm zu übernehmen. Das wäre auch das wichtigste Kriterium für eine Alternative zu Aperture, denn wer möchte schon bei 100.000 Photos alle Anpassungen wiederholen.%-)
    Aftershot Pro wäre eine Alternative, leider wird es nur halbherzig weiterentwickelt und es fehlen trotz einer Version 2 immer noch einige Anpassungen an verschiedene Kameras (z.B. die neueren Fujis)
    Also werde ich Aperture noch einige Zeit treu bleiben, da ich’s nicht professionell brauche stellt das für mich kein großes Problem dar.

    • Danke an den Autor für die ausführlich und kritische Review!
      Was ich an Photo Ninja beeindruckend finde, mit welcher Geschwindigkeit das Prog Verzeichnisse als Thumbnails anzeigt … Das UI hingegen ist, sagen wir es mal freundlich, stark gewöhnungsbedürftig – besonders, wie der Autor auch schon anmerkte, nervt die völlig übertriebene Klickerei bei den Settings .. das ist zudem sehr unübersichtlich … Leider nicht so schnell, aber auch mit einigen „Merkwürdigkeiten“ im UI: RawTherapee, dafür letztlich übersichtlicher … Sehr wahrscheinlich, dass meine Qualitätsanforderungen doch ein Stück geringer sind, als die des Autors.

      Danke massi für die Bemerkung!!!
      In den Medien wird je z.Z. gerade so getan, als ob Aperture in wenigen Tagen seinen Betrieb unwiederbringlich einstellen würde.

  4. Ich muss gestehen, ich kann die Abneigung gegenüber Adobe verstehen, aber meine Lightroom-Photoshop Kombi gerade als Hobbyfotograf gebe ich nicht mehr her. Sicher haben andere Väter auch schöne Töchter, aber was bei manchen Programmen als Highlight angepriesen wird, bearbeite ich seit Jahren in lightroom, ohne überhaupt photoshop zu starten und bin immer wieder verwirrt wenn zwar mit RAW fotografiert, aber der volle Umfang aufgrund minderwertiger Software nicht genutzt wird. Da interessiert mich eine Gesichtserkennung pauschal gar nicht. Meine Meinung….