Permalink

“Das Netz” oder wie ich meine Identität verlor

Anfang Oktober hat es mich erwischt. Das Sperrgespenst von Microsoft. Ich habe schon seit geraumer Zeit eine Live-ID, weil ich sie vor allem beruflich für alle möglichen Zugänge brauchte. Echt produktiv genutzt habe ich sie noch nicht – Gott sei dank, wie sich jetzt herausstellte. Doch der Reihe nach:

Im Sommer kamen langjährige Live-Kunden, wie ich, im Rahmen der großen Skydrive-Einführung in den Genuss von kostenlosen 25GB Online-Speicher. Da der Dienst ansprechend gemacht, die Synchronisierung mit meinem PC problemlos war und es auch für verschiedene Plattformen Clients gab, hatte ich mich entschlossen, diesen Dienst für meine privaten Fotos zum einen als Backup und zum anderen als Plattform zum einfachen Teilen mit Freunden zu verwenden. So weit so gut. Funktionierte auch alles bestens. Synchronisierung ging hervorragend, meine Freunde konnten einzelne freigegebene Alben sehen – super.

msblock

Bis eines Tages mein Skydrive-Dienst auf dem PC meinte, er könne sich nicht anmelden. Es war der Beginn einer längeren Odyssee von Anmelde- und Kennwort-Rücksetzversuchen. Ich musste feststellen, dass man bei MS-Live vollkommen auf personenlosen Service setzt. Alle Live betreffenden Hotlines, FAQs, Online-Hilfen usw. führten immer nur auf Kennwort-Rücksetz-Portale, Onlinefragebögen zur Kontenwiederherstellung Foren, in denen man sich zur Fragestellung anmelden musste (was mir aus naheliegenden Gründen nicht gelang) aber niemals zu einem MS-Mitarbeiter, dem ich den Sachverhalt einmal schildern konnte. Irgendwann kam ich dann zu einer Antwort (auf ein automatisches Formular), in der mir mitgeteilt wurde, dass ich gegen die Nutzungsbedingungen von Microsoft verstoßen hätte und mein Konto daher gesperrt sei. Cooler O-Ton-Nebensatz dabei: “Wir sind nicht in der Lage, die spezifischen Details über Ihre Kontoschließung zu diskutieren”. Aha! Rausgeflogen, aber ich weiß nicht, warum. Diskutiert wird auch nicht. Ich will die Versuche zur Wiedererlangung meiner Identität jetzt nicht weiter ausweiten, nur so viel: ich bin immer noch draußen!

Also Microsoft: Das geht gar nicht! Es mag ja sogar sein, dass unter den hochgeladenen Fotos das eine oder andere Kinderbadefoto zu sehen ist, auf dem “Personen teilweise oder ganz unbekleidet” dargestellt sind. Dies aber mit gesetzwidrigem Handeln gleichzusetzen, zumal sich alle Fotos in meinem privaten Bereich befinden und nicht veröffentlicht wurden, finde ich schon stark. Mit Sicherheit ist dort kein ungesetzlicher Inhalt dabei, weder pornografisch noch urheberrechtlich.

Ich mag gar nicht an die Leute denken, denen es ähnlich ergeht, die aber dieses Konto noch anderweitig produktiv nutzen! Xbox, Hotmail, vielleicht noch Apps gekauft – mit Windows 8 soll das noch weiter ausgedehnt werden. Und meine Recherchen in diesem Fall ergaben, dass ich weiß Gott nicht der Einzige bin – leider und unfassbar!

Ich spielte mit dem Gedanken, mir eines dieser neuen Surfaces anzuschaffen. Mit dieser gemachten Erfahrung schiebe ich den Gedanken gerade sehr weit von mir. Ein falsches Foto (nach Meinung irgendeines microsoftschen Nacktscanbots wohlgemerkt) und man ist alles los: seine Mails, seine Daten, seine Apps, das Geld und die Zeit, die man in diese Dienste investierte. Und das ohne jede Chance, sich zu rechtfertigen oder die Quelle des Anstoßes zu beseitigen.

Als Fazit kann ich jedem nur raten, nicht völlig auf einen Online-Anbieter zu setzen, sich vor allem die AGBs und Nutzungsbedingungen, die man so gern mal ok-klickt, mal genau durchzulesen. Und irgendwie macht mich diese Episode doch schon etwas nachdenklich, wenn ich an die sich derzeit ausweitende Nutzung von Online-Diensten denke. “Das Netz” lässt grüßen, wenn man darüber philosophiert…